Oktober 16, 2015

{Rezension} Die Schmetterlingsfängerin von Margarita Kinstner / Lovelybooks-Leserunde


„Ich wollte kein Schiff besteigen, ich wollte nach Hause, immer schon wollte ich einfach nur Hause, und nie wusste ich, wo dieses Zuhause eigentlich war. Ich musste an meine Oma denken, die sich immer in die Ferne gesehnt, und an ihre Schwester Klara, die ihr Leben lang Heimweh gehabt hatte, an den riesigen Atlantik, der zwischen ihnen lag (...)."  (Seite 51)


Wo gehöre ich hin? Was ist Heimat eigentlich und wo ist meine? Diese Frage stellt sich die schwangere Katja, die in wenigen Wochen ihrem Freund Danijel nach Sarajevo nach gehen wird. Sechs Wochen vor dem geplanten Umzug hat sie ihre Arbeit bereits gekündigt und ihre Wohnung leer geräumt.
Katja ist in einer sehr unkonventionellen Familie groß geworden. Das Verhältnis zwischen Katja und ihrer Mutter Magda ist etwas gespalten. Magda, die als Teenager mit Katja schwanger geworden war und immer großen Wert auf ihre Karriere legte, sich nie abhängig machen lassen hat von einem Mann und dieses Bild der Frau in großen Zügen lebt, manchmal auch auf Kosten von Katjas Kindheit. Erst viel später lernt Katja ihre Mutter zu verstehen.
Dass meine Mutter nicht die selbstsichere Frau ist, für die ich sie immer hielt, habe ich erst spät erkannt. Wir halten unsere Mütter für allmächtig. Vielleicht ist das der Grund, warum wir so mit ihnen kämpfen."  (Seite 20)
Ihren Vater Albert, einen Künstler, lernte Katja erst mit 12 Jahren kennen und zusammen mit ihm auch gleich seine drei Frau und ihren Halbbruder Curd. Die ersten vier Jahr lebte sie bei ihrer Großmutter, der Mutter ihres Vaters, in dem kleinen österreichischen Haizendorf, wohin es sie schon als Kind immer drängte, selbst nachdem ihre Großmutter nach Graz zog, und auch jetzt in der Zeit vor ihrem eigenen Umzug nach Sarajevo drängt.
Und so wuchs mein Heimweh nach einem Ort, der in meiner Erinnerung ein unwirklicher Paradies wurde, denn meine Oma zog nach Graz, und ich wurde älter, nur Haizendorf blieb immer der Ort, an dem ich Schmetterlinge fing, auf der Schaukel tanzte und an dem es kein harsches Wort und kein klirrendes Schweigen gab." (Seite 58)
Ein letztes Mal möchte sie den Ort ihrer Kindheit besuchen und lässt dabei längst vergrabene Erinnerungen und Erzählungen aufleben. Fragen kommen auf: Was führte ihren Großvater, der einst in Bosnien lebte, nach Österreich? Weshalb wanderten drei seiner Kinder nach Kanada aus? Wie war das damals zwischen ihrem einst zurückgezogenem Vater Albert und seinem aufmüpfigen Bruder? Was zog Albert nach Wien und wie passierte all das zwischen ihren Eltern? Katja läuft durch Haizendorf, trifft sich mit ihrer Großtante Therese, lässt sich alte Geschichten von ihr erzählen und erinnert sich an eigene und ihr bereits erzählte. Aus einem ursprünglich geplantem Wochenende werden mehr als zwei Wochen. Immer mehr wird aus Katjas Geschichte um die Frage nach Heimat, eine Familienbiographie und während ich als Leser anfangs noch einige Schwierigkeiten hatte mit all den Familienangehörigen und Orten, mit all den in nicht chronologischer Reihenfolge geschriebenen Erzählungen, entsteht nach und nach ein Familien-Stammbaum im Kopf und Stück für Stück finden einzelne Puzzleteile ihren Platz. Und während auch Katja ein immer klareres Bild über ihre Familie erhält, bekommt sie Besuch von ihrer besten Freundin Sana, von Danijel und die Thematik der Heimat rückt immer wieder ins Zentrum.Wo kann Heimat sein, wenn die eigene Familie quer verteilt in verschiedenen Städten, Länder, ja sogar auf verschiedenen Kontinenten lebt? Wo kann Heimat sein nach all den Umzügen, die zum Beispiel auch Katja erlebte/erlebt? Dass es seine und Magdas Schuld sei (...)Dass er keine Ahnung habe, wie sich das anfühlt, wenn du dein halbes Leben lang Heimweh hast" schreibt die Autorin an einer Stelle und weiter: Wie eine Pflanze habt ihr mich umgetopft. Habt an mir gezerrt und nicht darauf geachtet, dass da etwas reißt. Wenn du die Wurzeln einer Pflanze verletzt, hilft die beste Erde nichts". Aber auch Sanas und Danijels Ansichten zum Thema Heimat erscheinen mir sehr interessant. Sowohl Sana, als auch Danijel kamen einst aus Bosnien nach Wien, verlebten dort den Großteil ihres Lebens, ihre Jugend. Danijel ging zurück, empfindet Schuld gegenüber seiner Heimatstadt Sarajevo, das er vor dem Krieg '92 einst als 15jähriger zurück lies. Sana dagegen fühlt sich zuhause in der chaotischen, immer größer werdenden Stadt Wien mit all ihrem Trubel. Sowieso hat sie ein ganz anderes Heimatempfinden als zum Beispiel Katja oder Danijel.
Sana hängt nicht an ihrer Vergangenheit. Heimat ist dort, wo du gerade bist, sagte sie. Wenn Sana sagt: Ich gehe nach Hause, kann sie damit auch ein Hotelzimmer meinen, das sie für eine Nacht gemietet hat." (Seite 212) 
Sehr genau und einfühlsam wird hierbei alles beschrieben. Margarita Kinstner haucht gekonnt Leben in ihre Geschichte ein. Alle Protagonisten erscheinen mir absolut authentisch.
Obwohl das Buch doch 'nur' knapp 300 Seiten hat, habe ich doch relativ lange daran gelesen, immer wieder habe ich aufgehört, mir häufig Stellen markiert, nachgedacht. Der Roman erzählt und gibt dem Leser Gelegenheit in Ruhe nachzudenken, ohne dass es langweilig wird. 
"Schöne Geschichten mit einem Hauch Melancholie und Wehmut." (Seite 185) schreibt die Autorin Margarita Kinstner über die Geschichten, die sich Katja und Danijel gegenseitig erzählen und diese Beschreibung passt meiner Meinung nach auch perfekt auf ihren Roman und seine Atmosphäre. 
Am Ende des Romans wird nicht nur Katja klar, was ihre Heimat ist, sondern auch der Leser lernt, dass Heimat viel mehr ist als nur ein Ort, viel mehr auch als reine Blutsverwandtschaft. 

Schlussendlich kann ich sagen, dass mir Die Schmetterlingsfängerin von Margarita Kinstner sehr gefallen hat und ich den Roman ohne wenn und aber weiterempfehlen kann. Obwohl ich finde, dass knapp 20 Euro für einen Roman, der nichtmals 300 Seiten hat, trotz Hardcover, schon relativ viel sind (ich arme Studentin...haha), kann ich wirklich sagen, dass das Buch jeden Cent wert ist. Nicht nur im inhaltlichen Sinne kann ich das feststellen, sondern auch äußerlich macht der Einband und auch das Cover einen hochwertigen Eindruck und fühlt sich beim Lesen in den Händen super gut an.


Ich habe das Buch im Rahmen einer Lovelybooks-Leserunde vom Hanser Verlag als Rezensionsexemplar zugeschickt bekommen und möchte mich hiermit herzlich dafür bedanken. Vor allem der Austausch mit anderen Lesern, aber auch mit der Autorin persönlich, hat mir wieder großen Spaß gemacht und gab meinem Leseerlebnis einen klaren Mehrwert. Vielen Dank dafür!

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